… und zwar hierhin. Weil Selbst-Hosten einfach mehr Klasse hat.
Liebe, anonym
Verfasst 27. Oktober 2008 von annakoluthKategorien: Uncategorized
Tags: Finance City, Liebhaber, Männer
Anna hatte einmal einen namenlosen Liebhaber. Sein Pseudonym benutzte er mit Nonchalence auch dann noch, als Anna ihr eigenes längst durch ihren wahren Vornamen ersetzt hatte. Vielleicht traute er Anna zu, dass sie sonst nachts um zwei tränenüberströmt vor seiner Tür auftaucht, oder dass sie sofort zu Zeitung, Schere, Prittstift und Beweisfotos greift und einen Koffer mit einer Million in kleinen Scheinen von ihm erpresst. Vermutlich war es jedoch reine Vorsicht: die Mutter der Porzellankiste, in der er wohnt.
Das letzte Mal trafen sie sich auf einem Turm, genossen sich und anschließend den Blick auf die Skyline aus Stahl und Glas von Annas Stadt und er erzählte. Von Höhenangst im Allgemeinen und der Höhenangst seiner Gesprächspartner, die sich ungern auf den Stühlen niederließen, die er absichtlich ganz dicht vor den Bodenfenstern seines ehemaligen Büros platziert hatte, welches sich auf Höhe der Besucherdachterrasse einer der Kompensationsbauten vor ihnen befand. Von Tageszimmern im gegebenen und von Tageszimmern im geschäftlichen Kontext, deren Nichtbenutzung dazu führen kann, dass man einen der Top-Investmentbanker von Finance City bei einer Insolvenzverhandlung ertappt und ihm frühzeitig ein Angebot unterbreiten kann.
Für eine verspätete Mail entschuldigte er sich einmal, indem er die Schuld auf sein Blackberry schob – einer der Momente, in denen Anna sich über ihre Inkonsequenz ärgerte, denn eigentlich verlangt so etwas nach einem schnippischen Seitenhieb. Uneigentlich entsprach Herr Blackberry, von den inneren Werten einmal abgesehen, derart passgenau Annas Beuteschema, dass sie wieder einmal eine wohlwollende Nettigkeit vorzog.
Die kognitive Dissonanz hätte sie nicht als solche empfunden, wäre er ihr wenigstens verbal unterlegen gewesen. Anna bedauert es, so zu ticken: Aber wer beim Ironietest durchfällt und Kommas nach dem Zufallsprinzip uniform auf die Wortzwischenräume zu verteilen pflegt, der läuft nicht Gefahr, mit Annas Weltbild zu kollidieren und firmiert einfach als Glücksbringer unter „ferner liefen“. Herrn Blackberry ist nie ein orthographischer Lapsus unterlaufen und den Ironietest bestand er mit Bravour. Ob er Worte liebte, wie Anna sie liebt, bezweifelt sie; vermutlich liebte er bloß ihre Macht. Er spielte und lockte, griff an und parierte, verstand Ellipsen, Allusionen und typographische Strukturen – das faszinierte Anna. So sehr, dass sie sogar über die Frage „Und, wie?“ großzügig hinweghörte.
Er ließ jedes Treffen mit derselben Unverbindlichkeit enden, mit der er seine Namenlosigkeit pflegte. Ein Wiedersehen stellte er nie in Aussicht, auch keinen weiteren E-Mail-Kontakt – Floskeln, die er nicht nötig hatte. Nach dem Treffen auf dem Turm meldete er sich nicht mehr: eine Affäre ohne Ende mit einem Liebhaber ohne Namen.
Und warum haben Sie nicht Medizin studiert?
Verfasst 24. Oktober 2008 von annakoluthKategorien: Uncategorized
Tags: Wie ich einmal bei einer Versicherung anheuern wollte
Die Wände der Eingangshalle marmorverkleidet. Die Flure mahagoniholzimitatgetäfelt. Das obere Stockwerk ganz aus edlem V4A-Stahl. Anna Koluth hat sich auf den Besuchersitzmöbeln niedergelassen und betrachtet das fleckig blassblau lasierte Holztrumm vor sich, das man hier für Kunst hält. Die Empfangsdame verlässt ihren Platz, um ein paar von draußen hineingewirbelte Ahornblätter vom Boden aufzulesen, und verspricht noch einmal das baldige Erscheinen der Personaldame. Anna überlegt, ob sie einen akuten Atemwegskatarrh vorschützen und laut hustend die Flucht ergreifen soll.
Hätte sie mal. Die Personaldame ist Psychologin und will Annas Version, wie andere sie beschreiben würden, gar nicht erst hören. Statt dessen pflückt sie genüsslich an Annas Curriculum Vitae herum, bis Anna sich fragt, ob in ihrem Leben überhaupt mal irgendwann irgendwas halbwegs reflektiert und konsistent vonstatten gegangen ist. Ganz perfide sind dabei nicht die Warum-Fragen, sondern die Warum-Nicht-Fragen? Warum sie nicht Medizin studiert habe, mit diesem ihrem Spitzen-Abi? Ob sie sich als Frau mit diesem ihrem Fach nicht immer als Exotin gefühlt habe? Anna fragt sich, ob sie von sich aus mit psychologisch Spitzfindigem kontern und einfach mal im Nebensatz erwähnen soll, dass Hunde ihre Lieblingstiere seien, weil die so treu und teamfähig sind. Und dass sie am liebsten orange trägt, weil das so eine kraftvoll-energische Farbe ist. Lässt sie aber. Vermutlich kommt die Vorstellung, jeden Abend die Büromöbel von Hundehaaren und orangefarbenen Elasthanfusseln befreien zu müssen, hier nicht so gut an, denkt sich Anna.
So ein Tableau will würdig vervollständigt sein, denkt sie weiter, als das Gespräch ziemlich schnell auf ein jähes Ende hin zusteuert und fordert als krönenden Abschluss ein exorbitant hohes Jahresgehalt ein. Dann dankt sie artig für das Versprechen, dass man sie anrufen werde (wenn es auch ein, zwei oder auch drei oder vier Wochen dauern kann) und versichert, dass sie den Weg nach draußen alleine finden wird.
Blumen im Kopf
Verfasst 12. Oktober 2008 von annakoluthKategorien: Uncategorized
Tags: Leonardo da Vinci, Männer, prokreatives Potential, Wie ich meinen Header mit Airbrush designte
Prokreatives Potential hat Anna reichlich, kreatives nur in begrenztem Maße. Heute, Sonntag, saß Anna an ihrem Schreibtisch, den Kopf geneigt, die Stirn in Falten, das Bleistiftende zwischen den Zähnen. Nach Abermillionen Synapsenkurzschlüssen dann ein Einfall, so derart originell, dass Leonardo da Vinci im Grabe erblich: Blumen! Und Blätter! Und Ranken!
Anna stülpte sich die Kittelschürze aus Uromas Nachlass über, entwendete die Tapetenrolle, die für hinter dem Kleiderschrank gedacht und somit ohnehin überzählig war, spuckte in die Hände und schnappte sich die Airbrushpistole. Sie schnippelte Schablonen und sprühte und schnippelte und sprühte. Dann schließlich, die Hände blau, die Nase orange und die Mokassins weiß gesprenkelt, aber derart zufrieden mit ihrer Leistung wie sonst nur Männer, denen man antwortet „Galaktisch!“, hielt sie ihr Werk in den Händen. Der Rest war ein Klacks: Auf den Scanner legen, hochladen, im Blog bewundern.
C++ und implizite LeserInnen
Verfasst 10. Oktober 2008 von annakoluthKategorien: Uncategorized
Tags: Bier, C++, Wie ich einmal ein Interface baute
In der Literaturtheorie unterscheidet man, simplizistisch verflachend gesprochen, zwei Modelle des Lesers. Da gibt es auf der einen Seite die realen Leser aus Fleisch und Blut, die Individuen vor dem Text. Die meint Lichtenberg mit den Affen, die ins Buch hinein schauen in der Hoffnung, es schaut ein Apostel heraus.
Auf der anderen Seite hat der Autor stets eine Publikumsvorstellung im Kopf. Denkt er an Affen, schreibt er ein Buch für Dummies, oder Blog; denkt er an die Geliebte seiner 27 Sinne, schreibt er „Anna, A–N–N–A! Ich träufle deinen Namen.“ und „Man kann dich auch von hinten lesen.“ Das Problem ist, dass man nie so genau weiß, ob man den Autor im Affrontfall zur Rechenschaft ziehen kann, denn der Autor kann nur so tun, als ob er seine Leser schmähe, indem er perfiderweise einem Erzähler das Wort erteilt. Nun verhält sich der Autor zum realen Leser wie der Erzähler zum impliziten Leser (so nennt ihn Herr Iser) oder zum Modell-Leser (so nennt ihn Herr Eco) oder zum narrataire (so nennt ihn die Große Nation mit dem gernegroßen Präsidenten). Autor und realer Leser stehen außerhalb des Textes; Erzähler und impliziter Leser sind Bestandteile des Textes.
In Lehrbüchern tauchen Erzähler eher vereinzelt auf, was die Blogbetreiberin schade findet. Sätze wie „Willy Wichtig hat im Folgenden seine schönsten Marketingkniffe für Sie zusammengestellt“ oder „Leo Lineal präsentiert: das Parallelenaxiom“ würden sich prima eignen als semiotisches Gleitgel für trockene Materie. Implizite Leser trifft man dagegen recht häufig an. „Der Beweis sei dem Leser zur Übung überlassen“ heißt: Der von den Autoren ersonnene implizite Leser ist ein blitzgescheites Kerlchen, der als Morgengymnastikersatz zwischen Frühstücksei und Zähneputzen Differentialgleichungen löst, zum Locker- und Wachwerden. Das schmeichelt dem real existierenden Otto-Normal-Studenten, der um die Uhrzeit selbst mit der Suche nach seinen Puschen überfordert ist.
Nicht immer fällt die Konzeption des impliziten Lesers derart schmeichelhaft aus. Frau Nootz und Herr Morick, die ein Buch über C/C++ verfasst haben, scheinen eine sehr spezielle Vorstellung von den anthropologischen Konstanten ihres Lesepublikums zu haben. Auch hier geht es um eine Übung, genauer gesagt um einen Programmentwurf, dessen Realisierung dem Leser zur Übung überlassen wird. Man liest:
Angenommen, Sie sind stolze(r) BesitzerIn einer Funkuhr (DCF-Uhr), haben sich ein Interface gebaut und die Uhr über die serielle Schnittstelle an Ihren Rechner angeschlossen. Wenn Sie jetzt ein kleines Programm schreiben wollen, um die Uhrzeit einzulesen und damit die BIOS- oder Systemzeit zu setzen…
Zunächst, Frau Nootz, Herr Morick: Es ehrt Sie, dass Sie generische Maskulina ablehnen. Nur, bei allem Respekt – stolz wie Bolle auf meine Funkuhr sein und ein Interdings zusammenlöten, damit mein bester Freund, der Computer, auch was davon hat? Ich kann mich beherrschen. An dieser Stelle würde ich Sie gerne bitten, mal folgenden Satz zu ergänzen: „HobbyprogrammiererInnen sind … Menschen und mögen gemeinhin …“ Für die letzte Lücke unterbreiten Sie auf der Lösungsseite dann ja einen Vorschlag: Bier.
Kommt Ihr Leut und lasst Euch sagen, unsere Uhr hat zwölf geschlagen. Jetzt haben Sie sich aber ein richtiges Bier verdient!
Das will ich meinen! Ich bin ganz duselig vor Glück, um nicht zu sagen, wir zwei beide, mein Computer und ich, wegen der neuen Systemzeit. Leutselig proste ich in Richtung Bildschirm und in Gedanken Ihnen zu, weil Sie die Aufgabe so passgenau auf meine innerste Persönlichkeit zugeschnitten haben.
Da bleibt nur zu sagen, Frau Nootz, Herr Morick: frau dankt,
recht herzlich,
A–N–N–A
