C++ und implizite LeserInnen
In der Literaturtheorie unterscheidet man, simplizistisch verflachend gesprochen, zwei Modelle des Lesers. Da gibt es auf der einen Seite die realen Leser aus Fleisch und Blut, die Individuen vor dem Text. Die meint Lichtenberg mit den Affen, die ins Buch hinein schauen in der Hoffnung, es schaut ein Apostel heraus.
Auf der anderen Seite hat der Autor stets eine Publikumsvorstellung im Kopf. Denkt er an Affen, schreibt er ein Buch für Dummies, oder Blog; denkt er an die Geliebte seiner 27 Sinne, schreibt er “Anna, A–N–N–A! Ich träufle deinen Namen.” und “Man kann dich auch von hinten lesen.” Das Problem ist, dass man nie so genau weiß, ob man den Autor im Affrontfall zur Rechenschaft ziehen kann, denn der Autor kann nur so tun, als ob er seine Leser schmähe, indem er perfiderweise einem Erzähler das Wort erteilt. Nun verhält sich der Autor zum realen Leser wie der Erzähler zum impliziten Leser (so nennt ihn Herr Iser) oder zum Modell-Leser (so nennt ihn Herr Eco) oder zum narrataire (so nennt ihn die Große Nation mit dem gernegroßen Präsidenten). Autor und realer Leser stehen außerhalb des Textes; Erzähler und impliziter Leser sind Bestandteile des Textes.
In Lehrbüchern tauchen Erzähler eher vereinzelt auf, was die Blogbetreiberin schade findet. Sätze wie “Willy Wichtig hat im Folgenden seine schönsten Marketingkniffe für Sie zusammengestellt” oder “Leo Lineal präsentiert: das Parallelenaxiom” würden sich prima eignen als semiotisches Gleitgel für trockene Materie. Implizite Leser trifft man dagegen recht häufig an. “Der Beweis sei dem Leser zur Übung überlassen” heißt: Der von den Autoren ersonnene implizite Leser ist ein blitzgescheites Kerlchen, der als Morgengymnastikersatz zwischen Frühstücksei und Zähneputzen Differentialgleichungen löst, zum Locker- und Wachwerden. Das schmeichelt dem real existierenden Otto-Normal-Studenten, der um die Uhrzeit selbst mit der Suche nach seinen Puschen überfordert ist.
Nicht immer fällt die Konzeption des impliziten Lesers derart schmeichelhaft aus. Frau Nootz und Herr Morick, die ein Buch über C/C++ verfasst haben, scheinen eine sehr spezielle Vorstellung von den anthropologischen Konstanten ihres Lesepublikums zu haben. Auch hier geht es um eine Übung, genauer gesagt um einen Programmentwurf, dessen Realisierung dem Leser zur Übung überlassen wird. Man liest:
Angenommen, Sie sind stolze(r) BesitzerIn einer Funkuhr (DCF-Uhr), haben sich ein Interface gebaut und die Uhr über die serielle Schnittstelle an Ihren Rechner angeschlossen. Wenn Sie jetzt ein kleines Programm schreiben wollen, um die Uhrzeit einzulesen und damit die BIOS- oder Systemzeit zu setzen…
Zunächst, Frau Nootz, Herr Morick: Es ehrt Sie, dass Sie generische Maskulina ablehnen. Nur, bei allem Respekt – stolz wie Bolle auf meine Funkuhr sein und ein Interdings zusammenlöten, damit mein bester Freund, der Computer, auch was davon hat? Ich kann mich beherrschen. An dieser Stelle würde ich Sie gerne bitten, mal folgenden Satz zu ergänzen: “HobbyprogrammiererInnen sind … Menschen und mögen gemeinhin …” Für die letzte Lücke unterbreiten Sie auf der Lösungsseite dann ja einen Vorschlag: Bier.
Kommt Ihr Leut und lasst Euch sagen, unsere Uhr hat zwölf geschlagen. Jetzt haben Sie sich aber ein richtiges Bier verdient!
Das will ich meinen! Ich bin ganz duselig vor Glück, um nicht zu sagen, wir zwei beide, mein Computer und ich, wegen der neuen Systemzeit. Leutselig proste ich in Richtung Bildschirm und in Gedanken Ihnen zu, weil Sie die Aufgabe so passgenau auf meine innerste Persönlichkeit zugeschnitten haben.
Da bleibt nur zu sagen, Frau Nootz, Herr Morick: frau dankt,
recht herzlich,
A–N–N–A
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