Liebe, anonym

Anna hatte einmal einen namenlosen Liebhaber. Sein Pseudonym benutzte er mit Nonchalence auch dann noch, als Anna ihr eigenes längst durch ihren wahren Vornamen ersetzt hatte. Vielleicht traute er Anna zu, dass sie sonst nachts um zwei tränenüberströmt vor seiner Tür auftaucht, oder dass sie sofort zu Zeitung, Schere, Prittstift und Beweisfotos greift und einen Koffer mit einer Million in kleinen Scheinen von ihm erpresst. Vermutlich war es jedoch reine Vorsicht: die Mutter der Porzellankiste, in der er wohnt.

Das letzte Mal trafen sie sich auf einem Turm, genossen sich und anschließend den Blick auf die Skyline aus Stahl und Glas von Annas Stadt und er erzählte. Von Höhenangst im Allgemeinen und der Höhenangst seiner Gesprächspartner, die sich ungern auf den Stühlen niederließen, die er absichtlich ganz dicht vor den Bodenfenstern seines ehemaligen Büros platziert hatte, welches sich auf Höhe der Besucherdachterrasse einer der Kompensationsbauten vor ihnen befand. Von Tageszimmern im gegebenen und von Tageszimmern im geschäftlichen Kontext, deren Nichtbenutzung dazu führen kann, dass man einen der Top-Investmentbanker von Finance City bei einer Insolvenzverhandlung ertappt und ihm frühzeitig ein Angebot unterbreiten kann.

Für eine verspätete Mail entschuldigte er sich einmal, indem er die Schuld auf sein Blackberry schob – einer der Momente, in denen Anna sich über ihre Inkonsequenz ärgerte, denn eigentlich verlangt so etwas nach einem schnippischen Seitenhieb. Uneigentlich entsprach Herr Blackberry, von den inneren Werten einmal abgesehen, derart passgenau Annas Beuteschema, dass sie wieder einmal eine wohlwollende Nettigkeit vorzog.

Die kognitive Dissonanz hätte sie nicht als solche empfunden, wäre er ihr wenigstens verbal unterlegen gewesen. Anna bedauert es, so zu ticken: Aber wer beim Ironietest durchfällt und Kommas nach dem Zufallsprinzip uniform auf die Wortzwischenräume zu verteilen pflegt, der läuft nicht Gefahr, mit Annas Weltbild zu kollidieren und firmiert einfach als Glücksbringer unter “ferner liefen”. Herrn Blackberry ist nie ein orthographischer Lapsus unterlaufen und den Ironietest bestand er mit Bravour. Ob er Worte liebte, wie Anna sie liebt, bezweifelt sie; vermutlich liebte er bloß ihre Macht. Er spielte und lockte, griff an und parierte, verstand Ellipsen, Allusionen und typographische Strukturen – das faszinierte Anna. So sehr, dass sie sogar über die Frage “Und, wie?” großzügig hinweghörte.

Er ließ jedes Treffen mit derselben Unverbindlichkeit enden, mit der er seine Namenlosigkeit pflegte. Ein Wiedersehen stellte er nie in Aussicht, auch keinen weiteren E-Mail-Kontakt – Floskeln, die er nicht nötig hatte. Nach dem Treffen auf dem Turm meldete er sich nicht mehr: eine Affäre ohne Ende mit einem Liebhaber ohne Namen.

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